
Botulinumtoxin (BTX) in der Schmerztherapie
Seit Mitte der 1980er Jahre wird Botulinumtoxin (BTX) weltweit bei zahlreichen Erkrankungen, die durch eine krankhaft erhöhte Muskelaktivität charakterisiert sind effektiv und erfolgreich eingesetzt. Kontinuierliche Behandlungen bei der sog. “fokalen Dystonie” sind mittlerweile bis zu einem Zeitraum von fast 20 Jahren beschrieben. Jährlich werden mehrere hunderttausend solcher Patienten erfolgreich behandelt.
Die aktuelle Forschung befaßt sich dabei seit den 1990er Jahren mit einer Vielzahl weiterer Anwendungsgebiete, insbesondere in der Schmerztherapie. Durch gezielte Injektion von Botulinumtoxin in schmerzhaft betroffene Muskeln kann bei solchen Schmerz-erkrankungen, die mit einer krankhaft erhöhten Anspannung der Muskulatur einhergehen eine effektive und lang anhaltende Linderung der Schmerzbeschwerden erreicht werden.
Was ist Botulinumtoxin, wo und wie wirkt es?
Botulinumtoxin ist eine ursprünglich von Bakterien, heute industriell hergestellte Substanz, die binnen einiger Tage nach Injektion an der Injektionsstelle in den sog. motorischen Endplatten, d.h. den Verbindungsstellen zwischen Muskel und Nerv die Freisetzung eines Nervenbotenstoffes (Acetylcholin) verhindert. Dies führt zu einer Muskelentspannung. Die Wirkung setzt nach etwa 5 bis 10 Tagen ein und hält etwa 3 bis 6 Monate an, bevor es zu einer Wiederherstellung der motorischen Endplatten kommt und die Störung dann wieder auftritt.
Da Botulinumtoxin nicht nur zur Muskelentspannung sondern oft auch zu einer erheblichen Besserung der meistens zusätzlich vorhandenen Muskelschmerzen führt, die Linderung der Schmerzen dabei häufig deutlich vor der Verminderung der Muskelaktivität eintritt, ja die Schmerzminderung sogar stärker ausgeprägt sein kann als die muskuläre Entspannung, wird darüber hinaus eine komplexerer Wirkmechanismus des Botulinumtoxin vermutet (verminderte Muskelspindelaktivität, durch die muskuläre Entspannung erreichte Druckminderung auf sensorische Muskelfasern und muskelernährende Blutgefäße). Auch wird diskutiert, ob Botulinumtoxin auch die lokale Ausschüttung von schmerzfördernden Eiweißbotenstoffen (Neuropeptide, z.B. Substanz P) hemmt.
Welche mit Schmerzen einhergehenden Erkrankungen können mit Botulinumtoxin behandelt werden?
- “myofasziale” Schmerzen der Muskulatur, z.B. nach Schleudertrauma
Eine weit verbreitete Ursache chronischer regionaler Schmerzen der Skelettmuskulatur ist das sog. “myofasciale Schmerzsyndrom”. Die Muskulatur weist dabei einzelne oder zahlreiche schmerzhafte und tastbare Muskelverhärtungen, sog. Triggerpunkte auf. Die Endplattenhypothese besagt hierzu als Erklärung, daß diese durch ein lokales Muskeltrauma und zeitweise Überlastung mit lokaler Minderdurchblutung entstehen, so daß als Reaktion darauf lokal vermehrt Acetylcholin ausgeschüttet und eine begrenzte Menge neuromuskulärer Endplatten geschädigt wird. Durch die anticholinerge Wirkung und anhaltende Muskelentspannung kann Botulinumtoxin das Muskeltrauma ursächlich beenden.
Seit 1994 wurden einige erfolgreiche Einzelfallberichte und Studien zur Behandlung myofascialer Schmerzen der Schulter- und Nackenregion sowie beim assoziierten Muskelschmerz nach Schleudertrauma mit Botulinumtoxin beschrieben. Die Injektionsstrategie wird individuell für jeden Patienten festgelegt und die Injektionen gezielt in die Triggerpunkte erfolgen. Bei Patienten, die bereits früher kurzzeitig von der Behandlung mit Lokalanästhetika profitiert haben, können bereits geringe Dosen Botulinumtoxin zu deutlich längeren schmerzfreien Intervallen führen. Dadurch kann der Bedarf an sonstiger Schmerzmedikation erheblich gesenkt werden und Patienten können aufgrund der Schmerzlinderung ihre Muskelkraft gezielter auftrainieren.
- Schmerzen an der Lendenwirbelsäule; “Low back pain” (Lumbalgie)
Auch Schmerzen an der Lendenwirbelsäule (LWS), sog. unspezifische Lumbalgien (= low back pain) ohne Bezug zu einzelnen Nervenwurzeln haben häufig eine muskuläre Ursache, die mit Triggerpunkten und einer erhöhten Muskelaktivität der neben der LWS einhergeht. Das Rationale der Behandlung mit Botulinumtoxin besteht darin, die muskulären Ungleichgewichte zu beheben und den Teufelskreis von Schmerz, Verspannung und wiederum Schmerz zu durchbrechen. Die Injektionen werden paravertebral (= im sicheren Abstand zur Wirbelsäule) in die muskulären Triggerpunkte appliziert.
- Epicondylopathie (= sog. “Tennisellenbogen”)
Bei der Epicondylopathie (= sog. “Tennisellenbogen”) liegt eine chronische Überbeanspruchung mit Degeneration im Sehnenansatzbereich der an den Epicondylen (= knöcherne Ausziehungen im Ellenbogenbereich, an denen Muskeln, Sehnen und Bänder Halt finden) ansetzenden Muskulatur vor. Der Muskelansatz am Knochen ist dadurch druckempfindlich und die Bewegungsfähigkeit eingeschränkt. Botulinumtoxin wird hier lokal in die Muskulatur an der Unterarmaußenseite (= in das Muskelgewebe der Handgelenks- und Fingerstreckermuskeln) injiziert, so daß eine teilweise und rückbildungsfähige Schwächung der betreffenden Muskulatur erfolgt. Dadurch entsteht ein Bewegungszuwachs in Beugerichtung der Hand und Finger, die funktionelle Verkürzung der Streckmuskulatur wird gelöst und das auslösende Schmerzmoment damit durchbrochen.
- Migräne und Spannungskopfschmerzen
Sowohl Migräne als auch der chronische Kopfschmerz vom Spannungstyp können mit Schmerzen, Verspannungen und/oder Bewegungseinschränkungen in den Muskeln des Kopfes, Halses oder Schultergürtels einhergehen, sog. myofaszialen Schmerzen. Diese können einerseits Folge der Schmerzen sein, andererseits auch den Schmerz unterhalten und dazu beitragen, daß der Schmerz chronisch wird.
Als ein wichtiges Ziel bei der Behandlung dieser Schmerzen im Kopf-Hals-Bereich kann daher die Lockerung der überaktiven Muskulatur (= sog. Muskelrelaxation) angesehen werden. Neben physikalischen Maßnahmen wie Wärmeanwendungen (z.B. Fango) oder Massagen kann eine solche Lockerung auch medikamentös erreicht werden. Dabei haben die herkömmlichen muskelentspannenden Medikamente (= sog. “Muskelrelaxantien”) den Nachteil, daß sie als Tabletten eingenommen werden und damit mehr oder weniger häufig neben muskelentspannenden auch unerwünschte Wirkungen auf den übrigen Körper auftreten - was bei der Verwendung von Botulinumtoxin eben nicht zu erwarten ist. Hiermit können diese Muskeln gezielt und effektiv i.R. nur einer Anwendung für die Dauer von ca. 3 bis 6 Monaten entspannt werden. Als eine weitere positive Folge der Behandlung mit Botulinumtoxin kann sich dadurch neben einer Linderung der Kopfschmerzen auch eine deutliche Senkung der Notwendigkeit der Einnahme von Kopfschmerzmedikamenten ergeben.
Wie wird die Botulinumtoxin-Behandlung durchgeführt?
Nachdem eine der für diese Behandlung geeigneten Erkrankungen festgestellt wurde, kann eine solche Behandlung während eines Termines durchgeführt werden. Sie erhalten dabei mit einer sehr dünnen Nadel an i.d.R. mehreren Stellen, z.B. der Kopf-/Nacken- oder der Rücken- oder der Unterarmmuskulatur Injektionen in das Muskelgewebe. Diese sind aufgrund der geringen Dicke der Nadel und des geringen Volumens der Medikamentenmenge i.d.R. gar nicht oder nur wenig schmerzhaft. Es kommt an der Einstichstelle i.d.R. auch zu keinerlei Reaktionen, allenfalls können in seltenen Fällen geringe Einblutungen (sog. “blauer Fleck”) entstehen.
Welche Risiken und Nebenwirkungen gibt es?
Botulinumtoxin stellt für Patienten mit chronischen Schmerzerkrankungen eine sichere Behandlungsalternative dar. Aufgrund der nur örtlichen Anwendung des Botulinumtoxin kommt es eben nicht zu sog. “systemischen”, d.h. den ganzen Körper an verschiedenen Stellen betreffenden Nebenwirkungen z.B. im Bereich des zentralen Nervensystems, wie dies zahlreiche der üblichen Schmerzmedikamente mehr oder weniger häufig mit sich bringen (z.B. Müdigkeit, Schwindel, Konzentrationsminderung, Appetit- und Gewichtszunahme, Haarausfall, Veränderungen der Libido). Organschäden durch die Anwendung von Botulinumtoxin sind bislang nicht berichtet worden, allergische Reaktionen eine absolute Rarität. Die Verträglichkeit und Sicherheit der Behandlung kann im Vergleich zu herkömmlichen Schmerztherapien mit Tabletten oder Tropfen als “sehr gut” bezeichnet werden. Teilweise ist schon eine einmalige Behandlung ausreichend, wenn hierdurch der Kreislauf der Chronifizierung der Schmerzkrankheit “Schmerz Verspannung Schmerz” unterbrochen werden kann.
Gut zu wissen ...
Die Behandlung gehört im Rahmen des Einsatzes von Botulinumtoxin in der Schmerztherapie nicht zum Leistungsumfang der gesetzlichen Krankenkassen und wird Ihnen daher von uns als Wunschleistung angeboten und nach entsprechender Vereinbarung mit Ihnen nach der amtlichen Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) privat abgerechnet.
Wenn Sie Fragen zur Behandlung mit Botulinumtoxin in der Schmerztherapie haben, bitte sprechen Sie uns an ! Wir informieren Sie gerne über weitere Details und die Gebühren.
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Ihr Neurologen Team im
Diagnostikzentrum Gießen
